Habe ich denn wirklich kein Heimweh auf Weltreise?

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Wenn es eine Frage gibt, die man unterwegs oft gestellt bekommt, und bei der ich immer ein bisschen rumdruckse, dann ist es die Frage nach dem Heimweh auf Weltreise. Ich druckse aber nicht herum, weil ich so übermäßiges Heimweh hätte, wofür ich mich schäme. Stattdessen schäme ich mich eher dafür, dass ich so überhaupt gar keins habe. Ja, echt jetzt!

Wie kann man denn kein Heimweh haben, wenn man so lange unterwegs ist?

„Echt nicht? So garnicht?“ Ist das, was die meisten ungläubig auf meine Aussage antworten. Irgendwie ja auch verständlich.

Aber ich war noch nie jemand, der Heimweh hatte.

Während alle anderen auf Klassenfahrt Rotz und Wasser heulten, freute ich mich, dass es endlich los gehen würde und ich was erleben würde. Sorry Mama.

Und das ist auch heute noch so.

Und dann kommt noch etwas entscheidendes dazu. So wirklich habe ich auch gar nichts, das ich zu Hause vermisse. Marc würde ich vermissen. Aber den hab ich ja einfach mitgenommen.

Ja, das klingt jetzt ultra drastisch, ich weiß, ich weiß. Aber die Wahrheit ist: Ja, ich vermisse es, mich mit Freunden zu treffen und schöne Abende zu haben. Aber das habe ich auch schon in Deutschland vermisst!

Einer der vielen Gründe für mich, warum ich unbedingt eine so lange Reise machen wollte, war, weil ich auch schlichtweg so, wie wir zuvor in Deutschland gelebt hatten, nicht mehr weiter leben wollten.

Ich war entweder unterwegs zum Arbeiten oder arbeitete von zu Hause aus an meinem Schreibtisch, Marc war den ganzen Tag über arbeiten. Morgens verließ er halb neun das Haus, abends kam er irgendwann zwischen sechs und acht nach Hause. Dann unterhielten wir uns noch ein wenig, aßen, schauten fern und gingen ins Bett. Wenn wir ganz motiviert waren, dann gingen wir joggen.

Das wars.

Keine sozialen Kontakte.

Im Jahr 2017 habe ich mich zum allerlersten Mal mit Freunden Mitte März getroffen, Mitte März!!!!!! Vorher habe ich mit niemand anderem als Marc, meinen Eltern, seinen Eltern oder Arbeitskollegen gesprochen. Und eigentlich waren die Freunde auch meine Cousinen und zählen damit ja zur Familie. Wenn wir es also ganz genau nehmen, dann habe ich 2017 zum ersten Mal im April mich mit Freunden verabredet.

Zu meinem Geburtstag.

Zu dem einer von zehn eingeladenen Personen erschienen ist.

Ich will jetzt nicht sagen, dass ich still und heimlich zu Hause vereinsamte. Aber heilige scheiße, ich bin ja sowasvon vereinsamt zu Hause!

So, wo nach soll ich jetzt also bitte Sehnsucht und Heimweh haben?

Das „Problem“ war, dass ich zu Marc zurück in den Harz gezogen war – wo aber niemand meiner Freunde mehr wohnte. Und wenn die mal nach Hause kamen übers Wochenende, dann lagen die Prioritäten eben einfach wo anders.

Einzig meine Cousine wohnte noch im Harz. Doch auch die hatte schwanger und in der Hochzeitsplanung, mit Kind und Job und einem Verlobten, der im Schichtdienst arbeitete nicht gerade häufig Zeit. Kann ich ihr auch nicht verübeln.

Und so kam ich immer und immer mehr zu dem Punkt, an dem ich nur noch weg wollte. Denn unterwegs wäre es normal, seine Freunde nicht ständig zu sehen.

Und was ist mit der Familie?

Zugegeben, damit hatte ich einfach noch nie ein Problem. Soll nicht heißen, dass ich meine Eltern nicht liebe. Aber ich muss sie einfach nicht täglich sehen, sie sprechen oder sie umarmen. Ich bin halt irgendwie unabhängig. Find ich auch nicht schlimm. Skypen, schreiben oder Telefonieren reicht mir einfach.

Aber manchmal hab ich doch Heimweh…

Okay, um ganz ehrlich zu sein, es gibt doch Momente, in denen ich Heimweh habe: jedes Mal, wenn wir uns bis jetzt auf einer Mehrtagestour befanden, ich kaputt war, mir kalt war, ich Hunger hatte… dann träumte ich von unserer Wohnung zu Hause. Ich lag in meinem Schlafsack und träumte davon, wie es jetzt wohl wäre, in meinem kuscheligen Bettchen mit meiner tollen IKEA-Bettwäsche und den 5.000 Kissen zu liegen. Wie schön es doch wäre, wenn ich jetzt einfach an den Kühlschrank gehen könnte, und das Schnitzel, das vom Mittag noch übrig geblieben war, einfach aufessen könnte. Ja, dann sehne ich mich schlichtweg nach der Gemütlichkeit, und vor allem der Bequemlichkeit, die zu Hause mit sich bringt.

Sobald ich dann am nächsten Morgen aber aufwache mit einem Blick aus dem Zelt direkt aufs Meer und durch die tollste Landschaft laufe, da ist dieses Heimweh sofort verfolgen.

Ich glaube, richtiges Heimweh ist es auch nicht. Ich würde es eher „Bequemlichkeitsweh“ nennen. Und das sei mir bei unseren Touren verziehn. 😀

heimweh auf weltreise

Tatsächlich kein Heimweh auf Weltreise…

Jep. Es ist einfach nicht da. Also zumindest nicht so, wie es glaube ich alle, die fragen, erwarten. Es klingt so unendlich böse, aber es gibt nicht wirklich etwas, das ich zu Hause vermisse (außer meinen gut gefüllten Kühlschrank manchmal). Wenn wir wieder nach Deutschland kommen, dann steht für uns auch definitiv fest, dass wir etwas ändern müssen. Wie wir das anstellen wollen? Keine Ahnung.

Bis dahin werde ich auf jeden Fall noch ein wenig herumdrucksen, wenn mich wieder jemand fragt, ob ich denn Heimweh auf Weltreise hätte.

Und die Frage „Was macht man gegen Heimweh auf Weltreise?“ kann ich natürlich leider auch nicht beantworten (oder zum Glück?).

Trotzdem bin ich aber ein wenig neugierig: gibt es noch mehr komplett Heimweh-freie Menschen da draußen? Oder bin ich die einzige, die einfach kein Heimweh auf Weltreise bekommt? Denn um ehrlich zu sein, manchmal hätte ich gerne Heimweh. Das Gefühl, etwas zu vermissen und sich auf etwas zu Hause zu freuen. Ja, ich glaube, Heimweh ist ein gutes Gefühl.

Ein Kommentar

  1. Hört sich an, als hätte ich diesen Beitrag geschrieben.
    Damit geht es dir definitiv NICHT alleine so. Ich kann zwar nicht bei einer Weltreise mit reden, aber immer, wenn ich weg bin geht es mir genauso. Mir fehlt das Haus, mein Schlafzimmer, der Garten.. aber der Rest? Bequemlichkeitsweh muss ich mir merken, das beschreibt mein nicht Heimweh perfekt!

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